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Stravinsky vor dem pompidou

Maschinen, Mythen und Menschlichkeit

Pontus Hultén, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle – ein Ausstellungsbesuch im September 2025 im Grand Palais, Paris. Dieser Blogartikel basiert auf dem Ausstellungs-Journal der Kuratorin Sophie Duplaix. Ich habe es bei der Ausstellung „Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Pontus Hultén“ entdeckt und gleich mitgenommen. Es beinhaltet die Highlights einer großen Retrospektive der Lebenswerke von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle – gezeigt im Grand Palais in Paris vom 20. Juni 2025 bis 4. Januar 2026.

Teamwork machte vieles möglich

Die Kunst von Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle war von unerschöpflichen Erfindungsreichtum geprägt. Ihre Radikalität, ihre Monumentalität und ihre Freiheit wären allerdings ohne dem schwedischer Kunsthistoriker, Universitätsprofessor, Kunstsammler Pontus Hultén kaum denkbar gewesen. Er erkannte früh, dass Tinguely und Saint Phalle keine „gewöhnlichen“ Künstler waren. Sie bauten Maschinen, die lachen, stöhnen, kollabieren und wieder auferstehen. Sie bauten Göttinnen, die man betreten konnte, und Monster, in denen Züge fuhren. Ihre Werke waren nicht statisch – sie lebten.

Hultén ermöglichte als Museumsdirektor einige Großprojekte mit den verspielten Maschinen von Jean Tinguely, den ungewöhnlichen Schießbilder „Tirs“ und mit den riesigen Figuren „Nanas“ von Niki de Saint Phalle. Als Mitbegründer des Centre Pompidou setzte Hultén eine neue Idee von Museum durch: kein Ort der Stillstellung, sondern ein Ort des Lebens.

Die bekanntesten Großinstallationen

Hon – en katedral (1966): Eine monumentale Frauenfigur

1966 schufen Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt „Hon“, eines der radikalsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Eine 23 Meter lange, liegende Nana, deren Kopf im Verhältnis zum Körper klein war, was typisch für die weiblichen Skulpturen – Nanas – war. Hon war ein begehbarer Körper mit vielen Räumen:

  • ein Kino
  • ein Goldfischbecken
  • eine Milchbar
  • eine Rutsche
  • eine Liebesbank
  • einen Automatenraum

Drei Monate stand diese monumentale Kunstwerk im Moderna Museet Stockholm für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Dann wurde „Hon“ wie geplant zerstört. Der kleine Kopf und ein paar Stücke der Haut blieben allerdings erhalten.


Le Cyclop –  La Tête (1969–1994): Ein Monster im Wald

Ende der 1960er begannen Tinguely, Saint Phalle, Luginbühl und viele Freunde ein geheimes Projekt im Wald von Milly-la-Forêt bei Paris – eine über 22 Meter hohe, bewegliche Skulptur mit Spiegeln und mechanischen Teilen.

Der Cyclop enthält:

  • ein Bassin am Kopf,
  • eine große Plattform im Inneren,
  • labyrinthische Treppen,
  • ein Rohr und ein kugelndes, quirliges System aus Aluminiumkugeln, die wie Gedanken durch den Kopf rasen.

Es dauerte 25 Jahre, den Cyclop zu vollenden. Die Skulptur ist wieder zugänglich und nach einer Renovierung im Jahr 2022 wieder für Besucherinnen und Besucher geöffnet.


Das Crocrodrome (1977): Das spielerischste Monster

Zur Eröffnung des Centre Pompidou erfanden Bernhard Luginbühl, Niki de Saint Phalle, Daniel Spoerri und Jean Tinguely ein weiteres Monster: Das Crocrodrome de Zig & Puce – ein 30 Meter langes Krokodilwesen.

Das Crocrodrome beinhaltete:

  • einen Geisterbahnzug im Bauch
  • Metallkugel-Kaskaden
  • bewegliche Kiefern
  • und Spoerris „Musée sentimental“ als kurioser Nebenwelt

Es war ein Erlebnisraum, kein Ausstellungsstück. Ein Ort der Freude, des Lärms und der kindlichen Freiheit.

Hultén meinte: „Die Grenze zwischen Kunst und Vergnügen existiert nicht mehr. Das Publikum ist kein Publikum – es ist Teil des Werks.“

Auch dieses Werk wurde nach einigen Monaten zerstört.


L’Enfer (1984) – das Extrem

Mit „L’Enfer“ treibt Tinguely seine Ideen auf die Spitze. Pontus Hultén beschreibt dieses Werk als eines der extremsten seines Œuvres. Ich war auch sehr begeistert, als ich dieses Kunstwerk im Grand Palais erleben durfte. Schon allein die Größe von 370 x 920 x 700 cm hat mich beeindruckt

Es wirkte wie eine riesengroße chaotisches Maschine mit einem Eigenleben aus Rotationen, Gegengewichte, Federn, Stöße und Tänze aus Metall.


Gemeinsame Visionen verbindet

Was Jean Tinguely, Niki de Saint Phalle und Pontus Hultén verbunden hat, ist eine gemeinsame Haltung:

  • Kunst gehört ins Leben
  • Kunst darf verspielt sein
  • Kunst muss nicht ewig sein
  • Kunst braucht das Publikum als Mitspieler

Nach Jean Tinguelys Tod 1991 setzte Niki de Saint Phalle sein Werk fort und initiierte als Verwalterin seines künstlerischen Nachlasses die Gründung des Museum Jean Tinguely in Basel. Pontus Hultén blieb bis zuletzt Verbündeter, Ermöglicher, Verteidiger dieser Kunst.